Zur Freude der Organisatoren hat sich eine grosse Anzahl Teilnehmerinnen sowie ein Teilnehmer für das Seminar angemeldet, nämlich 7 für die Shoka- und 19 für die Rikka-Gruppe.
Wir arbeiten in zwei Seminarräumen. Zum Unterricht des Professors kommen wir jeweils im unteren Seminarraum zusammen.
Jeden Tag sind jeweils vier Schülerinnen zuständig für das Verteilen und die
Pflege der Blumen; je eine Schülerin assistiert dem Professor. Ruth Stucki als
Tagessprecherin gibt in souveräner Manier auf Deutsch und Französisch die
Tagesordnung bekannt. Ist sie einmal nicht da, springt die ebenfalls
sprachgewandte Jacqueline Hugenin ein. Suzue Rother-Nakaya übersetzt wiederum
vom Japanischen ins Deutsche.
Am Montag um 9.00 Uhr ist Seminarbeginn. Professor Matsanuga begrüsst uns herzlich und macht ein erstes Shoka Shofutai Isshu-ike vor. Beim Isshu-ike ist wichtig, dass die Pflanzen im Freien gewachsen sind, nicht im Treibhaus. Das gibt dem Arrangement viel mehr Charakter. Am Nachmittag zeigt er uns ein interessantes Gesteck, ein sogenanntes Nihomen-Shoka: Man arbeitet je eine Tai-Gruppe von vorne und eine von hinten. So kann das Gesteck von beiden Seiten her betrachtet werden. Des Meisters Erklärungen zu den jeweiligen Gesteckarten sind immer höchst interessant, so z.B. auch zum Shinputai, das wir am Dienstagnachmittag anfertigen: Ein Shinputai ist wie ein 100-m-Rennen. Unser eigenes Gefühl soll im Material zum Ausdruck gebracht werden. Shinputai ist eine Frage des Moments: nicht rudern, sondern sich vom Wind treiben lassen!
Am Dienstagabend gibt es dann ein gemeinsames Nachtessen mit anschliessender
Verteilung der Seminarurkunden. Ursula Prutsch liefert dazu wieder eine ihrer
vielseitigen, kreativen Tischdekorationen: eine Heuschrecke, u.a. mit Beinen aus
Schachtelhalm und einem Kopf aus Gaenshorn (Louisiana Proboscidea). Die Kreation
findet viel Bewunderung. Die Urkundenverteilung findet im Foyer der Propstei
statt. Den Seminarteilnehmenden werden die vom Professor persönlich
unterschriebenen Urkunden ausgehändigt. Suzue Rother-Nakaya überreicht dem
Professor ein Geschenk, schön verpackt und von stattlichem Format. Ebenso werden
alle Vorstandsmitglieder von Suzue Rother-Nakaya mit einem Geschenk bedacht.
Anschliessend wird aus der Chapter-Kasse ein kleiner Umtrunk offeriert.
Im Bildungszentrum der Probpstei Wislikofen geniessen wir vorzügliche Bedienung und Verpflegung. Das Essen schmeckt wunderbar und jeder Teller kommt schön dekoriert mit Blümchen und Kräutern auf den Tisch.
Am Mittwochmorgen folgt dann eine besondere Überraschung: Die Winde, die Setsuko Spühler am Vortag aus ihrem eigenen Garten mitgebracht hat, ist erblüht. Der Meister kreiert daraus ein wunderschönes Schiff-Arrangement (Iribune). Im folgenden zeigt der Professor, dass er auch in der europäischen Literatur bewandert ist. Aus «Le petit prince» von Saint-Exupéry stammen folgende Gedanken: «Wir müssen unsere Kindheit wieder finden, deshalb sind wir am Suchen. Ein poetisches Gefühl bei der Kreation am Anfang der Arbeit ist wichtig.»
Am Mittwochabend verlassen uns bereits die ersten Teilnehmerinnen (Shoka-Gruppe). Die Rikka-Gruppe hat noch einen anstrengenden Donnerstag mit Rikka-Gestaltung vor sich. Zuerst demonstriert uns der Professor ein klassisches Rikka, anschliessend ein Rikka Shinputai vor. Er erklärt uns, warum heute mehr hohe Vasen verwendet werden: Die hohen Vasen sind darum entstanden, weil wir nicht mehr auf den Knien arbeiten und die Arbeiten stehend betrachten. Leider gibt es noch eine Panne bei der Reservation der Seminarräume: Ein Raum muss schon um 15.00 Uhr geräumt sein. Dank schneller Organisation (einige Seminaristinnen mussten umplatziert werden, andere versuchten im Eilzugstempo ihr Rikka fertig zu machen) fand alles ein gutes Ende. Für die Rikka-Gestaltung ist die Zeit eben immer zu kurz.
Das Seminar ist schnell vorbei gegangen. Es war spannend und sehr herausfordernd. Ein herzliches Dankeschön gilt dem Professor für das anregende und abwechslungsreiche Programm und seine inspirierenden Gedanken, sowie Suzue Rother-Nakaya für das Übersetzen, die Betreuung des Professors und den Kontakt mit Japan. Ein Dankeschön gebührt sodann auch allen Helfern und Helferinnen, die vor und hinter den Kulissen gewirkt haben. Ein derartiges Seminar ist immer mit viel Aufwand verbunden. Wie sagte doch der Meister anlässlich des Erstellens eines Shinputai: «Es ist wie ein Regenbogen oder Feuerwerk – was im Herzen zurückbleibt, ist Ikebana!»
13. Oktober 2005 / Beatrice Löhrer