Ikenobo - Ursprung des Ikebana

Ikebana ist die klassische japanische Kunst des Aufstellens von Blumen, Zweigen und Gräsern nach bestimmten ästhetischen Regeln.
Das Wort Ikebana setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen. Ike ist ein chinesisches Begriffszeichen, das auch Sei oder Sho gelesen werden kann, was soviel bedeutet wie Leben, Existenz, Natur. Bana oder Hana heisst Blume. So lässt sich Ikebana übersetzen als "Blumen, die in Übereinstimmung mit ihrer Natur arrangiert werden" oder "Blumen, die zum Leben erweckt werden".
Um das Wesen des Ikebana als
Blumen-Kunst zu verstehen, muss der spezifische Unterschied zur westlichen Kunst
einerseits und zur westlichen Floristik andererseits bestimmt werden.
Wenn Kunst als Gestalten und Formen von Material definiert werden kann, dann ist
Ikebana zweifellos eine Kunst. Das Material selber aber ist nicht "künstlich" im
eigentlichen Sinn, nicht bearbeitet, sondern es ist natürlich; es werden Blumen
und Zweige verwendet. Durch das künstlerische Tun und Gestalten aber, und das
ist das Wesentliche beim Ikebana, erhält das Natürliche ein zweites Dasein, das
allerdings nicht ein künstliches Dasein ist, sondern auch wieder ein
natürliches. Diese so in ihrem zweiten Dasein zu neuem Leben erweckte Blume
─
eben dies heisst ja Ikebana auf deutsch
─ offenbart das Wesen des Natürlichen:
Schönheit und zugleich Vergänglichkeit. Die schöne Blume verwelkt. Im Ikebana
erfahren wir, dass Schönheit und Vergänglichkeit Zwillingsschwestern sind. Die
westliche Kunst verdrängt dies. Sie verabsolutiert die Schönheit und will sie
verewigen. Die westliche Floristik repräsentiert eine höhere Bewusstseinsstufe,
denn sie weiss um die Vergänglichkeit, will sie aber durch einen Überfluss an
Blumen verdecken. Im Blumenstrauss geht die einzelne Pflanze unter. Im Ikebana
hingegen wird sie in ihrer schönen Einzigartigkeit zur Geltung gebracht.
Aus dieser Gegenüberstellung von westlicher Kunst, westlicher Floristik und
Ikebana lassen sich die ästhetischen Prinzipien der japanischen Blumenkunst
ableiten, die für ihre praktische Ausübung von grundlegender Bedeutung sind.
Kunst strebt immer nach dem Schönen, will das Schöne zum Ausdruck bringen. Das
Schöne aber ist das Natürliche, denn die Natur zeigt uns, was wirklich schön
ist. Kunst und ganz besonders die Kunst des Ikebana ist daher vor allem
Nachahmung der Natur. Das ist im Abendland beinahe in Vergessenheit geraten.
Denn hier wird Kultur als Beherrschung der Natur und Kunst als gestalterische
Überwindung der Natur verstanden. In der japanischen Kunstauffassung aber ist
die Natur von grundlegender Bedeutung. Der Japaner weiss sich der Natur
verbunden; er begegnet ihr mit Respekt, ja mit Ehrfurcht. Wer ein Ikebana
arrangiert, betrachtet das natürliche Wachstum der Pflanze und lässt sich in
seinem Schaffen und Gestalten von den natürlichen Eigenschaften der Blumen und
Pflanzen leiten.
Indem sich der Künstler von der Natur leiten lässt, sie gewissermassen
meditierend betrachtet, vermag er ihr Wesen, ihre Harmonie zu fühlen, zu
erleben, zu begreifen. Diese innere Haltung befähigt ihn zu einer künstlerischen
Gestaltung, die sich ganz im Einklang mit der natürlichen Harmonie weiss und so
die Harmonie selbst zum Ausdruck bringt. Im Ikebana vereinigen sich Form und Farbe
der Blumen und Zweige, der Blüten und Blätter mit dem Gefäss, mit dem Raum, mit
der Stimmung des Künstlers.
Die Natur ist die Richtschnur des Schönen. Nachahmung der Natur bedeutet
Beschränkung auf das Wesentliche. Prunkvolles Übermass, Verzierungen und
dekorative Elemente sind zu vermeiden. Wie in der Natur, wo nichts zuviel ist,
aber auch nichts fehlt. Ein gelungenes Arrangement zeichnet sich durch subtile
Einfachheit und Schlichtheit aus.
Das Ideal der japanischen Blumenkunst ist die Natürlichkeit. Im Ikebana gibt es
kein Gleichgewicht, sondern Dynamik, Lebendigkeit. Gleichförmigkeit und
Symmetrie wirken für den Japaner bedrückend, langweilig. Das Natürliche ist
schön und vollkommen, aber nicht abgeschlossen, fertig und vollendet. Als schön
empfunden wird nicht dasjenige, das einem abstrakten ästhetischen Ideal am
nächsten kommt, sondern dasjenige, dem etwas fehlt, das noch im Werden begriffen
ist. Denn die Natur ist ein ständiges Entstehen und Vergehen. Entstehen ist das
Werden von Etwas aus dem Nichts. Daher hat im Ikebana auch der freie Raum als
der Ort, wo nichts ist, einen bedeutenden Stellenwert. Eine Knospe wirkt oft
viel schöner und eleganter als eine prachtvolle Blüte.
Den Europäer mag es zunächst befremden, dass der Ikebanakünstler so viel Energie
und Zeit auf ein Werk verwendet, das nur eine Lebensdauer von wenigen Tagen hat;
strebt doch der europäische Künstler, bewusst oder unbewusst, letztlich nach
Unsterblichkeit in dieser Welt. Der Künstler will sich in seinem Werk verewigen.
Von diesem eitlen Ehrgeiz muss sich befreien, wer ein Blumenarrangement
erschafft.
Wenn sich Ikebana heute nicht nur in Japan, sondern auch in Europa grosser
Beliebtheit erfreut, sei die Frage gestattet, was an dieser Kunst so
faszinierend ist. Eine Antwort darauf versucht Ikenobo Sen'ei zu geben, wenn er
sagt: "Die Sehnsucht nach schönen Dingen; der Wunsch, schön zu sein; der Drang,
Dinge zu verschönern; das Bemühen, etwas Schönes zu schaffen
─
alle diese
Leidenschaften und Beweggründe sind tief verwurzelt in der Natur des Menschen.
Wilde Pflanzen und Bäume in der freien Natur unterliegen einem ewigen Wandel, in
welchem sich die harmonische Ordnung des Seins offenbart. Wenn wir, die wir
unserem Wesen nach an diesem Sein teilhaben, die naturbedingten Veränderungen
bei Bäumen und Pflanzen wahrnehmen, sind unsere Seelen von Grund auf ergriffen
und aufgewühlt. Das ist der Augenblick des Glücks, des Trosts und der Hoffnung.
Gerade so wie die Künstler, die Kalligraphien schreiben oder Gemälde fertigen
oder Gedichte verfassen, lauschen wir den unausgesprochenen Worten von Blumen
und Zweigen und nehmen in ihnen die unsere Seelen bewegende Schönheit wahr, die
wir im Ikebana sichtbar machen wollen."
Ikebana ist ein Weg, auf welchem sich der Schüler von seinem Meister führen
lässt. Die Japaner haben für Ikebana auch das Wort Kado: Weg der Blumen. Das
heisst, dass diese Kunst dem Schüler mehr sein muss als nur Zeitvertreib.
Ikebana als Kado ist ein Lebensweg, ein lebenslanges Lernen. Hierfür muss man
innerlich bereit sein. Ohne diese innere Bereitschaft wird man sich bald vom
Ikebana abwenden.
Kado heisst aber auch, dass Ikebana nicht nur eine bestimmte Technik ist, obwohl
es im Ikebana feste Regeln gibt, mit denen sich der Schüler allmählich vertraut
machen wird. Da jedoch mit lebendigem Material gearbeitet wird, mit Blumen und
Zweigen, bleibt genug Raum für freie Gestaltung. Wesentlich ist, ein Gespür für
die schlichte Schönheit und asymmetrische Harmonie des Natürlichen zu entwickeln
und im Gestalten auszudrücken
─ ein Bild zu malen oder ein Gedicht zu schreiben,
das aus Blumen besteht.

Ihren Ursprung hat die japanische Kunst des Anordnens von Blumen, Zweigen und
Gräsern im chinesischen Buddhismus. Priester stellten in den Tempeln als
Opfergaben Blüten, Knospen und Blätter des Lotus auf. Der Lotus war eine heilige
Pflanze, ein Symbol für die Reinheit, für Buddha. Für das Blumenopfer (jap.
kuge) wurden hohe und enghalsige Gefässe verwendet, und die Pflanzen standen
aufrecht.
Im 6. Jahrhundert pflegte Japan einen regen politischen und kulturellen
Austausch mit China. Auf diese Weise kam Japan mit dem Buddhismus in Berührung.
Bis dahin war das Land vom Shintoismus geprägt gewesen, der ursprünglichen
Religion der Japaner. Unter Regentschaft von Kronprinz Shotoku verbreitete sich
der Buddhismus sehr rasch auf der Insel; im Jahre 594 wurde er sogar zur
Staatsreligion erhoben. Mit dem Buddhismus gelangte auch der Ritus des
Blumenopfers ins Land. Es wird überliefert, dass Ono-no-Imoko, ein aus China
heimgekehrter Gesandter, diesen Brauch in Japan einführte. Er liess sich später
als Mönch in einer Hütte am Teich (jap. ike-no-bo) in der Nähe des
Rokkakudo-Tempels in Kyoto nieder, wo er seine Schüler in der Blumenzeremonie
unterwies. Die heute noch bestehende Ikenobo-Schule wird in der 45. Generation
von Ikenobo Sen'ei, einem direkten Nachkommen des Ono-no-Imoko, geleitet.
Es vergingen aber noch fast tausend Jahre, bis sich das Anordnen von Blumen aus
seinem ausschliesslich religiösen Zusammenhang befreite. Seit dem 15.
Jahrhundert stellte man die Blumenarrangements nicht nur zu kultischen Zwecken
in Tempeln, sondern auch bei feierlichen Anlässen in Adelshäusern auf. Und in
den Palästen und Residenzen der Fürsten fanden Blumenwettbewerbe und
Ausstellungen statt. Das Ikebana, einstmals Blumenopfer, entwickelte sich zur
Blumenkunst. Das Zentrum dieser Kunst blieb der Rokkakudo-Tempel in Kyoto, wo
Senkei Ikenobo um 1450 die erste Ikebanaschule im eigentlichen Sinn gründete.