Am Freitagabend, 9. September, landet Professor Shigeru Matsunaga, aus Japan kommend, in Zürich-Kloten, wo er von Suzue und Dr. Wolfgang Rother, Ivy Le Maguer, Ursula Prutsch, Setsuko Spühler und Nittaya Schindler empfangen wird. Eine kurze Nacht steht ihm bevor, denn schon morgens um 5.00 Uhr trifft man sich zum Blumeneinkauf an der Zürcher Blumenbörse. Da am 11. September nebst der Demonstration des Meisters auch eine Ikebana-Austellung unseres Chapters geplant ist, gibt es viel vorzubereiten. Einzelne Teilnehmerinnen beginnen bereits am Freitag und Samstag mit ihren Gestecken und unterstützen den Professor bei der Gestaltung des klassischen Rikka, das für die Eingangshalle bestimmt ist. Am Sonntagmorgen treffen dann nach und nach weitere Schülerinnen ein, um ihre Gestecke anzufertigen. Insgesamt 18 Gestecke werden so für die Ausstellung mit viel Liebe und Mühe hergerichtet. Der Gemeindesaal wird für die Ausstellung und die Demonstration vorbereitet. Arbeit gibt es genug, zum Beispiel Stellwände und Tische aufstellen, die Bühne vorbereiten, Vasen bereit stellen, Arrangements platzieren usw. Ein ganz herzliches Dankeschön an Erika Egger, die uns, obwohl sie nicht am Seminar teilnehmen kann, bei dieser Arbeit mit Rat und Tat unterstützt. Alles klappt vorzüglich und um 15.00 Uhr treffen die ersten Gäste zum Apéro ein, den die Kulturkommission Gebenstorf offeriert. Die Gestecke werden bewundert und schon bald sind die ersten bereit gestellten Stühle besetzt. Schliesslich füllt sich der Saal bis auf den letzten Platz – etliche Besucher müssen gar mit einem Stehplatz Vorlieb nehmen.
Um 16.00 Uhr beginnt die Demonstration. Zuerst begrüsst Gemeindeammann Roger Haudenschild die rund 250 anwesenden Gäste. Humorvoll meint er, es wäre ja schön, auch an den Gemeindeversammlungen jeweils eine so grosse Gästeschar begrüssen zu können. In einer weiteren Begrüssungsadresse führt Dr. Wolfgang Rother in die Ikebana-Kunst ein. Danach beginnt Professor Matsunaga mit der Vorführung, die Kommentare dazu werden von Suzue Rother-Nakaya übersetzt. Assistiert wird der Professor von Setsuko Spühler und Ivy Le Maguer. Heinz Bisang und Thomas Probst tragen die teils sehr schweren Arrangements von der Bühne an den dafür vorgesehenen Platz, wo sie nach der Vorführung in aller Ruhe betrachtet werden können. Auf einem Tablett überreichen die Assistentinnen dem Professor die hinter dem Paravent bereitgestellten Blumen und Äste. Der Professor – in einen schwarzen Kimono gekleidet – gestaltet verschiedenartige Gestecke, beginnend mit einem klassischen Rikka, es folgen Niju-ike, Shoka, Free-Style, Shinputai, Rikka Shinputai usw. Ein ehrfürchtiges Staunen geht jedes Mal durch die Zuschauerreihen, wenn der Professor die Vase dem Publikum langsam zudreht und man bewundern kann, was für Kunstwerke mit zum Teil wenigen Handgriffen, Ästen und Blumen da entstanden sind. Mit seinen begleitenden Erläuterungen versucht er, dem Publikum die Ikebana-Kunst verständlich zu machen: Sehr wichtig ist, die Pflanze zu beobachten, dann lernt man, wie sie gesteckt werden muss. In einem philosophischen Exkurs versucht er, den Unterschied zwischen japanischer und europäischer Kultur näher zu bringen. Zum Schluss gestaltet er noch zwei reizende, kleine Jiyuka, die er an anwesende Kinder verschenkt.
Nach neunzig Minuten ist die Vorführung beendet. Das Publikum bedankt sich mit warmem Applaus. Es bleibt noch eine halbe Stunde Zeit, die Gestecke eingehend zu betrachten, bevor sie – ebenso wie die Ausstellungsgestecke der Schülerinnen – leider schon wieder abgeräumt werden müssen. Denn alle Seminarteilnehmenden reisen noch am selben Abend nach Wislikofen, wo unser Seminar stattfindet.
Vorher aber geniessen wir noch ein gemeinsames Nachtessen im Restaurant
«Frohsinn» in Gebenstorf. Auf Wunsch von Suzue Rother-Nakaya stellen sich alle
Teilnehmenden kurz vor. Augenfällig wird da die internationale Teilnehmerschaft,
angeführt von Ivy Le Maguer aus Kanada, Jean-Marcel Duciaume, ebenfalls aus
Kanada (der z. Zt. gerade in Leysin lebt) sowie unseren lieben
Ikebanakolleginnen Mary Bussolini und Danièle Bleyer aus Frankreich. An diesem
Abend und den darauf folgenden Seminartagen gibt es manchmal ein veritables
Sprachengewirr. Unsere Englisch-, Französisch- und Japanischkenntnisse können so
wieder einmal voll eingesetzt werden.
Müde fahren wir nach einem ereignisreichen Tag nach Wislikofen, wo wir in der
beschaulichen Atmosphäre der dortigen Propstei unser Quartier für die nächsten
Tage beziehen. Ausgeruht und nach einem feinen Morgenessen richten sich die
Schülerinnen am nächsten Tag an ihrem zugewiesenen Arbeitsplatz ein.
13. Oktober 2005 / Beatrice Löhrer